Verena Bentele zu Gast in Altötting - „Wir brauchen dringend mehr Teihabe"

Sie hat alles gewonnen, was es im Biathlon zu gewinnen gibt: Verena Bentele besitzt 12 Olympische Goldmedaillen, ist vierfache Weltmeisterin und hat mehrmals den Biathlon- und Langlauf-Gesamtweltcup für sich entschieden. Die Ausnahmeathletin wird am 4. Juli in Altötting auf der Vollversammlung des Bayerischen Bezirketages sprechen, deren Leitmotiv „Inklusion konkret" lautet. Verena Bentele ist von Geburt an blind. Als „Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen" engagiert sie sich mittlerweile politisch für das Thema Inklusion.

„Mich reizt die Fragestellung, die das Motto der Veranstaltung verspricht: Wie kann es uns vor Ort gelingen, Inklusion umzusetzen? Wie gelingt das ganz konkret - in einzelnen Ortschaften, bei einzelnen Personen?", erklärt die 32-Jährige, warum sie die Einladung zur Vollversammlung gerne angenommen hat. Denn Aufgabe der Politik sei es, die rechtlichen Rahmenbedingungen für ein Mehr an Inklusion zu schaffen. „Die Umsetzung der Vorgaben erfolgt aber vor Ort. Hier tauchen ganz konkrete Probleme auf und hier müssen kreative Lösungen gefunden werden." Diese zu diskutieren, sei spannend und immer wieder inspirierend, so Bentele.

Die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention, die 2009 von der Bundesrepublik ratifiziert worden ist, bezeichnet sie als einen langen Prozess, der in vielen Bereichen ein grundsätzliches Umdenken erfordere. „Wir müssen vor allem die Barrieren in den Köpfen überwinden", sagt Bentele. Hier setzt auch die Kritik der Beauftragten an. Ihr fehle es in der Gesellschaft an einer positiven Grundhaltung zur Inklusion „Inklusion ja, aber bitte nicht in meiner Nachbarschaft, an meinem Arbeitsplatz und nicht in der Schule meines Kindes" - diese Meinung sei noch immer viel zu weit verbreitet und verhindere somit viele gute Ideen.

Insbesondere die aktuelle gesellschaftliche Diskussion um die gemeinsame Beschulung behinderter und nicht behinderter Kinder zeige, dass es grundsätzlich noch viel Aufklärungs- und Handlungsbedarf gibt. In der Schule wie in allen anderen Lebensbereichen müsse es selbstverständlich sein, dass Menschen mit Behinderungen gleiche Chancen und Möglichkeiten haben. „Es ist wichtig, dass schnell die entsprechenden Rahmenbedingungen geschaffen werden. Ohne umfassende Barrierefreiheit und personenbezogene Assistenzleistungen kann gleichberechtigte Teilhabe nicht gelingen", so Bentele.

Verena Bentele verweist in diesem Zusammenhang noch auf einen weiteren Aspekt: Gerade in Anbetracht des zunehmenden Fachkräftemangels sei es mehr als unvernünftig, all die Potenziale, die behinderte Menschen mitbringen brach liegen zu lassen. Es gebe nach wie vor zu wenig Arbeitgeber, die Menschen mit Behinderungen einstellten.

Positiv hingegen bewertet sie, dass der Begriff der Inklusion in den vergangenen Jahren mehr und mehr in den Fokus der Öffentlichkeit gelangt ist. Aber: Inklusion werde hauptsächlich im Zusammenhang mit dem Thema Bildung genannt, umfasse aber viel mehr. „Es gibt noch Bereiche, die in der Öffentlichkeit so gut wie gar nicht bekannt sind. Das Thema Einkommens- und Vermögensanrechnung bei der Eingliederungshilfe etwa, aber auch der Wahlrechtsausschluss bestimmter Gruppen behinderter Menschen". Hier sieht sie noch Nachholbedarf in der öffentlichen Diskussion und hier setzt Bentele auch darauf, dass die Vollversammlung des Bezirketags neue, wegweisende Akzente setzen kann.

 

 

Eintrag vom: 23.05.2014